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  • Dr. Megan Wester

Wie ich lernte, "Nein" zu sagen

In diesem Artikel geht es darum, wie ich mir von meinem Mann abschaute, ein klares "Nein" zu formulieren.

Juhuu, unser Zwerg wird mobil! Aus dem kleinen, zarten Neugeborenen ist ein Engergiebündel geworden. Jeden Tag staune ich über seinen Entdeckergeist und seine Fortschritte. Wenn ich ihn auf den Wickeltisch lege, dreht er sich inzwischen sofort auf den Bauch und robbt davon. Und seitdem er mit der Beikost angefangen hat, kann ich selber keinen Bissen mehr essen, ohne dass er nach meinem Löffel greift.

Ich habe mich natürlich angepasst und dazugelernt. Ich weiß jetzt, wie ich ihm eine Windel in zehn Sekunden in Bauchlage anziehe. Vor jedem Essen lege ich mir vorsorglich zwei Löffel raus, damit ich nicht vor meinem Müsli verhungern muss.


Eins der ersten Dinge, die er mit seiner neu gefundenen Freiheit erkunden wollte, waren Steckdosen. Ich habe natürlich "Nein" gesagt, und er ist natürlich trotzdem mit großen, leuchtenden Augen hingerobbt. Die Steckdosensicherung hatten wir gottseidank schon länger angebracht! Da er keine Anstalten machte, sich davon abbringen zu lassen, habe ich irgendwann entnervt aufgegeben, "Nein" zu sagen, und habe ihn immer wieder kurz vor der Steckdose weggetragen.


Letzte Woche verbrachten wir zusammen als Familie in einer Ferienwohnung im bayerischen Wald. Mein Mann, der sonst tagsüber nicht so viel daheim ist, staunte nicht schlecht über meine Wickel-Salto-Kunststücke. Als mir unser Sohn beim Mittagessen auch den zweiten Löffel entwendete, stöhnte ich etwas frustriert "So wird Mami nie satt, mein Schatz."

"Du könntest ihm aber auch sagen, dass er beim Wickeln liegen bleiben soll und ihm nicht deinen Löffel geben", meinte mein Mann nachdenklich, "er darf ja sonst den ganzen Tag rumrobben und alles entdecken." Jaja, dachte ich etwas erzürnt, da bist du einmal hier- ich versuche ihm das seit Wochen zu erklären, aber er ist nunmal ein Baby und versteht es nicht.

Doch tatsächlich beobachtete ich meinen Mann die ganze Woche, denn obwohl ich es mir erst nicht eingestehen wollte, konnte er ihm die Windel in Ruhe auf dem Rücken liegend wechseln. Nach ein paar Tagen wich mein gekränkter Stolz der Neugier und ich konnte ein paar Unterschiede in unseren Ansätzen beobachten.


Robbte unser Zwerg Richtung Steckdosen, nahm mein Mann ihn hoch, schaute ihm direkt in die Augen und sagte ein ruhiges, aber sehr bestimmtes "Nein" und legte ihn etwas davon entfernt wieder ab. Natürlich war das nur ein noch gößerer Ansporn für unseren Sohn, es noch einmal zu versuchen. Diese Prozedur wiederholte sich viele Male, doch der Tonfall meines Manns blieb unverändert ruhig und klar.

Bei einem weiteren Versuch robbte unser Zwerg los, drehte aber dann den Kopf nach uns um und lachte uns an. "Nein", sagte mein Mann, ohne zurückzulachen. Auch dieses wiederholte sich ein paarmal. Mein Reaktion wäre gewesen, nun spätestens genervt zu kapitulieren. Ich hatte Bedenken, ob unser Sohn uns überhaupt bereits verstehen kann oder will. Meine "Neins" hatten daher einen Unterton, der einen Zweifel ausdrückte.


Das "Nein" meines Manns war anders. Es schwang kein Fragezeichen und keine Spur Gereiztheit mit. Dass unser Sohn uns verstand und unsere Grenze irgendwann akzeptieren würde, war für ihn klar. Dass er dafür eine konstante Erinnerung benötigt, ebenso.

Ich probierte seine Taktik am nächsten Tag beim Wickeln. Es klappte nicht auf Anhieb, denn obwohl mein Sohn aufmerksam schaute, hatte mein "Nein" noch etwas Unsicheres an sich. Als müsste ich es noch üben und ausprobieren. Ich schaffte es auch nicht gleich, seine süßen, fragenden Blicke nicht ebenfalls mit einem Lächeln zu beantworten.

Allmählich fand ich jedoch einen Ton, der zu mir passte, und mit dem ich mich wohl fühlte. Statt die Lautstärke meiner Stimme zu erhöhen, riss ich bei meinem "Nein" die Augen ein wenig weiter auf.

Doch ich glaube es war überwiegend die innere Haltung, die sich bei mir geändert hatte.


Inzwischen hört unser Zwerg sogar manchmal auf mich. Meistens nicht. Sein kleines, triumphales Lächeln wird dann von Protestschreien abgelöst, wenn ich ihn wieder kurz vor der Steckdose abfange.

Ich gehe davon aus, dass wir "Nein" sagen noch sehr lange miteinander üben werden.



Fazit:

  • Wenn wir einen Grund haben, unserem Kind ertwas zu verbieten, zum Beispiel zu seiner eigenen Sicherheit, ist es unsere Aufgabe, dies so klar zu vermitteln, dass es keinen Raum für Zweifel gibt. Nicht in unserer Haltung, nicht in unserer Stimmlage, nicht in unserem Blick.

  • Ein lautes, genervtes oder agressives "Nein" ist nicht nötig, um unseren Kindern unseren Standpunkt zu vermittel. Konstante Wiederholung hingegen schon.

  • Kinder testen permament ihre Grenzen. Wir geben ihnen den Rahmen, sich sicher zu entwickeln und ihre Freiheit und Individualität zu erleben. Die Grenzen dieses Rahmens sind jedoch ein dynamischer Prozess, der immer wieder angepasst werden muss. Wir können unsere Kinder liebevoll an unsere Grenzen erinnern, statt zu erwarten, dass sie diese wie ein Erwachsener kennen und verstehen müssten.


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